Warum jede Sucht denselben Bauplan hat
«Wer sucht, der findet.» Das Wortspiel ist alt und trifft trotzdem genauer als die meisten Erklärungen. Eine Sucht ist eine Suche, die eine brauchbare Antwort gefunden hat — nur eben eine, die immer teurer wird. Und wer wissen will, warum sie so schwer aufzugeben ist, muss zuerst wissen, wonach überhaupt gesucht wurde.
Wie entsteht der Haken, der eine Sucht festhält?
Dein Unbewusstes ist pragmatisch: Es greift zur Lösung, die gerade verfügbar ist, und zur einfachsten, die es kennt — dasselbe Belohnungszentrum, das dich fürs Überleben belohnen soll, lässt sich genauso gut fürs Rauchen, Trinken oder Spielen aktivieren. Auf Englisch heisst süchtig werden treffend «getting hooked» — es gibt also immer einen Haken, der dich im Muster hält, auch wenn der bewusste Verstand längst dagegen ist.
Mit der Zeit lässt die Wirkung fast jedes Suchtmittels nach (Toleranzentwicklung). Die naheliegende Reaktion wäre, aufzuhören, wenn es nicht mehr so gut wirkt — stattdessen wird meist mehr konsumiert. So wird aus einem «Wollen» ein «Brauchen».
Welche Risikofaktoren begünstigen eine Sucht?
Sucht Schweiz nennt Faktoren wie belastende Familienverhältnisse, wenig Selbstwert, mangelnder Optimismus oder fehlende Erfüllung «Risikofaktoren» — Dinge, die die Resilienz schwächen, oft schon aus der Kindheit. Es braucht dafür kein offensichtliches Trauma: Es reicht, wenn ein Kind irgendwo lernt, dass seine Gefühle oder Bedürfnisse nicht ganz zählen. Das Unbewusste schliesst diese Lücken so gut es kann — meist, indem es sie überdeckt, nicht heilt. Aus einem «nur einmal ausprobieren» wird so das verlässliche Mittel gegen die innere Leere, und je grösser die Lücke, desto mehr braucht es, um sie zu füllen.
Einer meiner wichtigsten Leitsätze dabei: Es ist nie zu spät für eine schöne Kindheit. Nicht, um so zu tun, als wäre nichts gewesen — sondern um die Wirkung des Damals auf das Heute abzuschwächen.
Welche Rolle spielen Scham und Selbstwert bei der Sucht?
Viele Betroffene verhalten sich unter dem Suchtdruck anders, als sie es sonst tun würden — und genau daraus entsteht oft eine tiefe Selbstverachtung. Diese seelischen Wunden zu heilen ist ein grosser Teil der Suchtbewältigung. Es braucht dafür keine sofortige Selbstvergebung, aber die Ansicht des eigenen Werts macht den Unterschied: Wer sich selbst wieder als wertvoll genug empfindet, ist es sich auch wieder wert, sich das Suchtmittel nicht mehr anzutun. Wer sich dagegen unbewusst schuldig fühlt, akzeptiert fast jede Strafe — auch das Leben in einer Sucht.
Warum wechselt oft der Suchtstoff, während das unbewusste Muster gleich bleibt?
Ob Alkohol, Nikotin, Medien oder Essen – das zugrunde liegende Suchtmuster im Unbewussten bleibt identisch, wenn nur das Mittel getauscht wird. Hypnosetherapie setzt an der gemeinsamen emotionalen Wurzel an.
Von aussen sieht das völlig unterschiedlich aus. Alkohol und Zigaretten haben mit Kaufen oder dem Handy auf den ersten Blick nichts gemeinsam. Von innen ist der Ablauf verblüffend ähnlich: ein Auslöser, ein unangenehmer Zustand, ein Griff, der ihn zuverlässig für kurze Zeit beendet — und ein Unbewusstes, das sich diese Abkürzung sehr gut merkt.
Deshalb behandle ich Spielsucht, Cannabis, Kokain oder die Abhängigkeit von einem Menschen nicht als völlig verschiedene Themen. Der Einstieg ist jedes Mal derselbe Satz: Was macht es für dich, wenn es funktioniert?
Welche innere Lücke soll durch das Suchtmittel im Aussen gefüllt werden?
Sucht ist der Versuch, innere Leere, emotionalen Schmerz oder Überforderung durch Reize von aussen zu kompensieren. In der Trance schliessen wir diese emotionale Lücke auf gesunde Weise.
In über zehn Jahren Praxis ist mir dabei immer wieder dieselbe kleine Liste begegnet.
Da fehlt die Fähigkeit, von innen runterzukommen — und die Zigarette oder das Glas erledigt es in vier Minuten. Da fehlt es, den lauten Kopf am Abend leiser zu stellen — und irgendetwas macht ihn zuverlässig leise. Da fehlt Trost, und etwas tröstet auf Knopfdruck. Da fehlt das Gefühl, zu genügen — und ein Stoff oder ein Kaufrausch liefert es für zwei Stunden auf Kredit.
Keiner dieser Gründe ist ein Charakterfehler. Es sind Fähigkeiten, die entweder nie gelernt wurden oder irgendwann verlorengegangen sind. Und was man gelernt hat, kann man auch wieder lernen.
Warum ist das Umsteigen von einer Sucht auf eine andere so häufig?
Wird ein Suchtmittel aufgegeben, ohne die unbewusste Funktion zu ersetzen, sucht sich der Drang rasch ein neues Ventil. Durch Hypnose verändern wir die tiefere Ursache, statt Symptomverschiebung zu betreiben.
Wer eine Sucht ablegt, ohne dass diese Stelle geschlossen wird, landet erstaunlich oft bei etwas Neuem — Fachleute nennen das Suchtverlagerung oder Abhängigkeitsverlagerung. Aufgehört zu rauchen und angefangen zu essen. Trocken und dafür jeden Abend am Bildschirm. Ich sehe das in der Praxis regelmässig, und es hat nichts mit Schwäche zu tun.
Eine Sucht, die man nur wegnimmt, hinterlässt genau das Loch, das sie gefüllt hat.
Genau deshalb ist die Arbeit an der Wurzel keine Philosophie, sondern der praktische Teil. Wenn du dich selber beruhigen, trösten und wachrütteln kannst, gibt es die Stelle nicht mehr, an der das Nächste andocken könnte.
Warum ist ein einzelner Ausrutscher noch lange kein vollständiger Rückfall?
Ein Ausrutscher zeigt lediglich eine verbliebene Auslösesituation auf und bedeutet nicht den Verlust bisheriger Erfolge. In der Hypnose stärken wir deine Resilienz, um nach Stolperern sofort wieder Kurs zu halten.
Und dann gibt es die Tage, an denen es doch passiert. Das Wort «Rückfall» klingt, als wäre man wieder ganz unten — und genau dieser Gedanke ist es, der aus einem einzelnen Abend eine ganze verlorene Woche macht.
Ich nenne es lieber einen Vorfall. Du bist kurz gestolpert, du liegst nicht wieder am Anfang. In der Trance üben wir genau diese Stellen: die Situation zwei Minuten vorher zu erkennen, und danach wieder aufzustehen, ohne dich selbst zu verurteilen.
Was dabei am meisten trägt, ist selten die Disziplin. Es ist der Selbstrespekt. Wer sich selbst wieder etwas wert ist, tut sich vieles schlicht nicht mehr an.

